Warum Unternehmen zunehmend an Prävention zweifeln
- michaelgillitz
- 20. Mai
- 2 Min. Lesezeit

Seit über 13 Jahren arbeite ich im Betrieblichen Gesundheitsmanagement.Und ich nehme aktuell einen deutlichen Wandel wahr.
Präventionsmaßnahmen, die früher in vielen Unternehmen selbstverständlich waren, werden heute zunehmend kritischer hinterfragt.
Gesundheitstage. Rückenkurse. Schritt-Challenges. Achtsamkeitsangebote.
Viele dieser Maßnahmen gelten inzwischen oft eher als „nice to have“ — aber nicht mehr automatisch als wirksame Gesundheitsstrategie.
Warum?
Weil sich die zentrale Frage verändert hat:
Welche Wirkung erzeugen Gesundheitsmaßnahmen wirklich?
Unternehmen investieren heute deutlich bewusster.Vor allem größere Organisationen erwarten zunehmend:
nachvollziehbare Kennzahlen,
sichtbare Veränderungen
und eine messbare Wirksamkeit.
Und ehrlich gesagt: Ich kann diese Entwicklung teilweise nachvollziehen.
Denn viele Präventionsmaßnahmen waren zwar gut gemeint —wurden jedoch häufig isoliert umgesetzt, ohne nachhaltige Integration in Führung, Arbeitsorganisation oder Unternehmenskultur.
Die Folge: Maßnahmen wurden positiv wahrgenommen —aber ihre tatsächliche Wirkung blieb oft unklar.
Gleichzeitig halte ich es jedoch für gefährlich, Prävention ausschließlich anhand kurzfristiger Kennzahlen oder unmittelbarer Krankenstandsveränderungen zu bewerten.
Denn Gesundheit entsteht selten durch einzelne Maßnahmen.
Sondern durch die Summe täglicher Bedingungen innerhalb einer Organisation.
Oder anders formuliert:
Nicht alles, was schwer messbar ist, ist automatisch unwirksam.
Genau diese Entwicklung wird inzwischen auch wissenschaftlich zunehmend diskutiert.
So beschreibt beispielsweise das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) — eines der renommiertesten arbeits- und organisationssoziologischen Forschungsinstitute Deutschlands — in einem Impulspapier aus dem Jahr 2025, dass wirksames Betriebliches Gesundheitsmanagement vor allem durch systematische Integration, Führungsbeteiligung, Organisationsentwicklung und Evaluation entsteht — und nicht allein durch isolierte Einzelmaßnahmen.
Und genau das beobachte ich auch in der Praxis.
In meiner aktuellen Rolle als BGM-Verantwortlicher eines Logistikstandortes innerhalb einer Konzernlandschaft gehört die Entwicklung des Krankenstandes unmittelbar zu meinem Verantwortungsbereich.
Dadurch verändert sich automatisch auch der Blick auf Prävention.
Denn irgendwann reicht die Frage nicht mehr:„Welche Gesundheitsangebote haben wir geschaffen?“
Sondern:„Was verändert sich dadurch konkret?“
Aus meiner Erfahrung liegt die Zukunft moderner Prävention deshalb weniger in kurzfristigem Aktionismus —sondern stärker in:
gesunder Führung,
psychologischer Sicherheit,
gesundheitsorientierter Arbeitskultur
und nachhaltiger Integration in den Arbeitsalltag.
Denn der größte Hebel entsteht häufig nicht dort, wo Unternehmen Symptome behandeln.
Sondern dort, wo Belastung überhaupt erst entsteht.
Dabei geht es nicht darum, klassische Präventionsangebote grundsätzlich infrage zu stellen.
Gesundheitstage oder Präventionsangebote können wichtige Impulse setzen.Sie können sensibilisieren und Gesundheit sichtbarer machen.
Aber: Alleine reichen sie oft nicht aus, um langfristig Belastungsmuster oder Gesundheitskennzahlen nachhaltig zu verändern.
Die entscheidende Frage lautet deshalb heute nicht mehr nur:
Welche Maßnahmen bieten Unternehmen an?
Sondern vielmehr:
Welche Bedingungen schaffen Unternehmen täglich?
Denn genau dort entsteht Gesundheit —oder eben chronische Belastung.
Und genau deshalb bin ich überzeugt: Die Zukunft moderner Prävention liegt nicht in immer mehr Einzelmaßnahmen —sondern in wirksamer, nachhaltig integrierter Gesundheitsförderung.
Besonders in der Führungskräfteentwicklung zur gesunden Führung habe ich dabei sehr positive Erfahrungen gemacht.
Denn wenn Führungskräfte lernen, Belastung frühzeitig zu erkennen, gesünder zu kommunizieren und psychologische Sicherheit im Alltag zu fördern, verändert sich häufig weit mehr als nur Gesundheit:Teams werden stabiler, Zusammenarbeit verbessert sich und Belastungen eskalieren seltener.
Vielleicht erleben wir aktuell deshalb nicht das Ende der Prävention.
Sondern den Übergang von symbolischer Gesundheitsförderung hin zu strategischer, wirksamer und strukturell verankerter Prävention.




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